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20.
März 2006
KRITIK
Die
Mitglieder der Theatergruppe TraumA (Traum Raum Austria) haben in
letzter Zeit einen deftigen Geschmack entwickelt und ihre bisherigen
Hauptnahrungsmittel „Tinte & Kaffee“ gegen
Fleisch und Blut eingetauscht. Ein illustres Publikum ist geladen, um
an diesem Abendessen teilzunehmen, denn der
außergewöhnliche Spielort fasst höchstens
30 Personen: entlang der Wände sitzen die Gäste
aufgereiht, und eine knapp bemessene weiß gekachelte
Spielfläche bietet den beiden Akteurinnen Platz für
ein psychologisches Kammerspiel der Sonderklasse. Autor und Regisseur
Christoph Prückner hat nach Motiven des aufsehenerregenden
Kriminalfalls Armin Meiwes – besser bekannt als
„Kannibale von Rothenburg“ – unter
geschlechtsspezifisch gewendeten Vorzeichen die Themen
Abhängigkeitsverhältnis, Liebessehnsucht,
Bemächtigungs- + Einverleibungsphantasien zu einem intensiven
Kräftemessen zwischen zwei Schauspielerinnen ausgestaltet.
Welche
Beweggründe veranlassen Menschen, eines der stärksten
Tabus unserer Gesellschaft zu brechen? Was bringt eine Person dazu,
sich als Schlachtopfer anzubieten, und weshalb ist eine andere bereit,
auf dieses Angebot einzugehen? Am Beispiel von Chris (Christine
Renhardt) und Hanna (Anna Nowak) werden einige mögliche
Antworten dazu aufgezeigt. Die zwei Frauen haben übers
Internet einen makaberen Pakt geschlossen und lassen sich einen Monat
Zeit, um einander vor dem grausigen Festmahl besser kennenzulernen. Wir
erleben fast Tag für Tag einer an unerwarteten Wendungen
reichen Geschichte, die beweist, dass Liebe wirklich durch den Magen
geht und allmählich wird deutlich, wie sehr frühe
psychische Verletzungen den späteren Wunsch nähren
können, mit jemandem "ein Fleisch" zu werden.
Prückner
verortet die Thematik aber auch durch Rückgriffe auf einen
reichhaltigen literarischen Fundus: wir begegnen den kannibalischen
Gelüsten ebenso in klassischem Gewande bei Kleist
(„Penthesilea“) als in märchenhafter Form
bei „Hänsel & Gretel“; aber auch
Künstler aus anderen Schaffensbereichen wie Film, Musik oder
Malerei können als Gewährsleute herhalten.
Ein
rundum ungewöhnliches Projekt somit, auf das jeder
Theaterinteressierte, der nicht gerade zu den Josefstadt-Abonnenten
zählt, Appetit entwickeln sollte.
franco
schedl