Ingmar Bergmans
Person A
Die
Story
„Ich könnte mich in dich
verwandeln. Du könntest dich auch in mich verwandeln. Aber unsere
Seele wäre zu groß. Sie würde überall
herausragen.“
Eine Schauspielerin, die nicht mehr sprechen will.
Eine junge Krankenschwester, die niemanden hat, der ihr zuhört.
In einer abgelegenen Hütte, isoliert von der Außenwelt, soll
Elisabeth, die Schauspielerin, wieder „zu sich“ kommen. Und
Alma, die Krankenschwester, soll ihr dabei helfen.
Aber ist Elisabeth wirklich krank - oder ist ihr Schweigen nur eine
weitere Rolle?
Durch die Sprachlosigkeit ihrer Patientin animiert und zugleich
provoziert, beginnt Alma, mehr und mehr von sich preiszugeben.
Verdrängte Traumata, verborgene Obsessionen, unerfüllte
Sehnsüchte brechen hervor. Das Beziehungsgeflecht zwischen den
beiden Frauen wird immer dichter, undurchdringlicher, erfüllt von
unterschwelliger Erotik und unausgelebter Gewalttätigkeit.
Traum und Wirklichkeit verschwimmen.
Wer ist tatsächlich die Patientin, wer die Krankenschwester?
Existiert Elisabeth wirklich, oder ist sie nur eine Wunschprojektion
von Alma?
Oder manipuliert die Schauspielerin ihre Pflegerin bewußt, um
sich deren Identität anzueignen?
Deutungen
„Persona“
ist vielleicht Ingmar Bergmans radikalster und
persönlichster Film. In der Ästhetik aufs Wesentlichste
reduziert, in seiner Purheit nah beim japanischen Kino, in der
psychotraumatischen Atmosphäre noch bei Strindberg
rückversichert, zugleich in seiner anti-analytisch
verrätselten Erzählstruktur auf David Lynch vorausdeutend,
altgriechisch in seiner Fatalität, in seiner Ikonografie dem
klassischen Vampirfilm verwandt, und in seiner wie naturgewachsenen
Vermengung von Eros und Grausamkeit (und der partiellen Auflösung
der Geschlechteridentität) den Surrealisten benachbart,
erzählt „Persona“ eine Geschichte, die in ihrer
Kompromißlosigkeit noch heute und immer wieder zu
Auseinandersetzung und Konfrontation herausfordert.
Schon im Titel (obwohl Bergman dem Film ursprünglich nicht einmal
einen Titel geben wollte) spiegelt sich die ganze Bedeutungsvielfalt
der Geschichte wieder:
Persona -
– das bedeutet einerseits „Rolle“ (sowohl im Theater,
wie auch im Leben)
– ist ursprünglich der lateinische Ausdruck für
„Maske“
– und steht im heutigen Sprachgebrauch (als „Person“)
sowohl für „Individuum“ (somit auch für
Einsamkeit), als auch, in der Weiterformung
„Persönlichkeit“, für Charakter und
Identität (die aber, durch die ursprüngliche Wortbedeutung,
noch immer als prädefiniertes Rollenspiel erkenntlich bleiben...)
- Zudem hatte die Maske im altgriechisch-römischen Theater nicht
nur den Zweck der Typisierung und Ent-Individualisierung des
Schauspielers (ganz im Gegensatz zum heutigen Sprachgebrauch!), sondern
außerdem die praktische Funkion eines Stimmverstärkers (die
Stimme des Schaupielers wurde durch das Mundloch gebündelt). Auch
wenn die Wortherkunft von „Persona“ nicht hundertprozentig
geklärt ist, so bedeutet doch der Ausdruck „per sona“
soviel wie „durch bzw.für die Stimme“.
„Persona“ – das ist die Geschichte einer Frau, einer
Schauspielerin,
die sich die Stimme versagt
und sich die Maske
herunterreißt,
um ihre Identität zu finden –
und dabei
letztlich mit einer anderen die Rolle tauscht...
Es geht (auch) um die Identität einer Frau im Rollenspektrum
zwischen anbetungswürdigem Schauobjekt (die bewunderte
Schauspielerin) und Mutterfunktion (beides verweigert sie),
während die andere Frau (Alma – das steht für
„Seele“) zunächst in der Aufopferung (als
Krankenschwester und halb-freiwilliges Sexualobjekt) ihre
Rollenidentität sucht – bis sie im Kontakt mit Elisabeth
lernt, auch ihre zerstörerischen Seiten zuzulassen.
Die Medien- und Informationswelt, die uns umgibt, ist ebenfalls
ständig präsent – durch Anspielungen auf religiöse
Opfer- und Schlächtermythen, durch gewaltdurchwachsene
Nachrichtensendungen, durch die Anforderungen, die das Medienbusiness
(hierzu zählt in diesem Fall auch das Theater) an die
Schauspielerin stellt, durch die prompte, nicht hinterfragte
Psychiatrisierung der „Aussteigerin“.
Das Schweigen wird (von den Sprechenden) als Aggression und Provokation
aufgefaßt – während die Sprechenden ihrerseits
wiederum versuchen, der Schweigenden (mit „Gewalt“) eine
Sprache zu geben, überzustülpen, ihre Gedanken ungefragt zu
synchronisieren.
Anhand einer auf den ersten Blick sehr simpel wirkenden Geschichte
schafft es „Persona“, eine komplexe Zustandsbeschreibung
der Verwundungen in der modernen (Kommunikations-) Gesellschaft zu
liefern...
Projekt
Nach den großen
künstlerischen Erfolgen mit „ein fleisch“
(space><, 2006) und „regen. blut“ (Schikaneder, 2006)
macht sich Theater TraumA nun mit „Person A“ zum dritten
Mal daran, anhand der theatralischen Beschreibung einer
vielschichtigen, ungewöhnlichen Beziehungssituation eine
Zustandsbeschreibung der Verwundungen in der modernen (Informations-)
Gesellschaft zu liefern...
Der Tod Ingmar Bergmans am 30. Juli 2007 gibt unserem (schon seit
längerem geplanten) Projekt zusätzlich ungewollte tragische
Aktualität.
„Persona“ - das heißt: Maske – Rolle –
Ich...
Eine Schauspielerin, die die Gesetze des Theaters verweigert, Maske,
Identität, Rollentausch – die Themen in
„Persona“ drängen geradezu auf die Bühne.
Im Film arbeitet Bergman mit einer Reihe intensiver, ausdrucksstarker
Großaufnahmen, um das Innenleben der stummen Hauptfigur sichtbar
zu machen,
Der space><,
das kleinste Theater von Wien, ist deshalb der ideale Spielort, um die
Geschichte adäquat umsetzen zu können: Durch die Enge des
Raumes ist das Publikum komplett miteinbezogen ins Geschehen –
und erlebt die Schauspielerinnen permanent im „Close-up“.
Nur durch eine Tür von der Gumpendorferstraße, einer der
lautesten und befahrensten Verkehrsadern von Wien, getrennt, versucht
hier eine Frau, die Stille und das Schweigen als Gegenentwurf gegen die
Über-Kommunikation und den Über-Lärm der Welt zu
behaupten – mit dem Publikum als stummen Zeugen.
