| Stellen wir uns
nun die
Szene einer solchen Totemmahlzeit vor. (...) Der Clan, der sein
Totemtier bei feierlichem Anlasse auf grausame Art tötet und
es
roh
verzehrt, Blut, Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen in
die Ähnlichkeit des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten
und
Bewegungen, als ob sie seine und ihre Identität betonen
wollten.
Es ist
das Bewußtsein dabei, daß man eine jedem einzelnen
verbotene Handlung
ausführt, die nur durch die Teilnahme aller gerechtfertigt
werden
kann;
es darf sich auch keiner von der Tötung und der Mahlzeit
ausschließen.
Nach der Tat wird das hingemordete Tier beweint und beklagt. Die
Totenklage ist eine zwangsmäßige, durch die Furcht
vor einer
drohenden
Vergeltung erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, (...) die
Verantwortlichkeit für die Tötung von sich
abzuwälzen. |
| Darwin
schloß aus den
Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß auch der
Mensch
ursprünglich
in kleineren Horden gelebt habe, innerhalb welcher die Eifersucht des
ältesten und stärksten Männchens die
sexuelle
Promiskuität verhinderte. " (...) Wenn wir (...) nach den sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert, schließen, ist die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der Mensch ursprünglich in kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau oder, hatte er die Macht, mit mehreren, welche er eifersüchtig gegen alle anderen Männer verteidigte. Oder er mag kein soziales Tier gewesen sein und doch mit mehreren Frauen für sich allein gelebt haben wie der Gorilla. (...) Wächst das junge Männchen heran, so findet ein Kampf um die Herrschaft statt, und der Stärkste setzt sich dann, indem er die anderen getötet oder vertrieben hat, als Oberhaupt der Gesellschaft fest. (...) Die jüngeren Männchen, welche hiedurch ausgestoßen sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt beim Finden einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb der Glieder einer und derselben Familie verhüten." Die Darwinsche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die Anfänge des Totemismus. (...) |
| Der Tote wurde nun stärker, als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir es noch heute an Menschenschicksalen sehen. Was er früher durch seine Existenz verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohlbekannten "nachträglichen Gehorsams". Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen versagten. So schufen sie aus dem Schuldbewußtsein des Sohnes die beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden verdrängten Wünschen des Ödipus-Komplexes übereinstimmen mußten. |